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Die Arzneimittelprüfung

Die Arzneimittelprüfung in der Homöopathie

An einer homöopathischen Arzneimittelprüfung nehmen freiwillige, möglichst gesunde Menschen verschiedenen Alters und Geschlechts teil. Geprüft werden nur ungiftige (meistens potenzierte) Substanzen. Die Prüfungen werden doppelblind durchgeführt. Das heisst, weder die Probanden noch die begleitenden Homöopathen wissen, welcher Stoff geprüft wird. Einzig der Prüfungsleiter kennt die zu prüfende Arznei. Einigen Probanden verabreicht er im Zufallsauswahlverfahren zur Kontrolle eine Scheinarznei (Placebo). Die zu prüfende Substanz und das Placebo müssen identisch verpackt sein und identisch aussehen. Es ist den Probanden streng untersagt, sich über allfällige Symptome und Empfindungen auszutauschen.

Mit welchen Substanzen wird geprüft?

Die Arzneimittelprüfung muss gut vorbereitet werden. Es muss klar sein, welche Substanz in welcher Form geprüft wird, damit später bei der Herstellung der Heilmittel die genau gleiche Substanz verwendet werden kann.
Beispiel: Bei pflanzlichen Heilmitteln müssen genau die gleiche Gattung der Pflanze, die gleichen Pflanzenteile und die gleiche Zubereitung der Urtinktur zum Einsatz kommen. Diese wichtigen Standardvorgaben werden in Homöopathischen Arzneibüchern aufgeführt, zum Beispiel im HAB = Homöopathisches Arzneibuch, amtliche Ausgabe für Deutschland.

Wie werden die Probanden (Prüfpersonen) vorbereitet?

Die für die Arzneimittelprüfung ausgewählten Personen nennt man Probanden. Auch sie müssen sich auf die Arzneimittelprüfung vorbereiten. Bereits einen Monat vor Prüfungsbeginn muss jeder Proband ein ausführliches Tagebuch führen und alle Symptome und sein Befinden genau aufzeichnen. Dieses Tagebuch dient dazu, Symptome und Befindlichkeit, die bereits vor der Arzneimittelprüfung bestanden, abzugrenzen von denen, die während der Prüfung auftreten.

Welche Resultate bringt eine Arzneimittelprüfung?

Die Arzneimittelprüfung bildet die Grundlage für den Einsatz eines neuen Arzneimittels und ist ein erster Schritt zur Entstehung eines Arzneimittelbildes. Wie verlässlich eine Prüfung ist, zeigt sich jedoch erst im praktischen Einsatz des Arzneimittels an Patienten.
Bei einer Arzneimittelprüfung will man die Symptome finden, die die Prüfungssubstanz beim Probanden hervorbringen kann.
Und nicht die Symptome, die der Alltag, Medikamente, Drogen, Reizmittel, ein besonderer Aufenthaltsort oder eine besondere (Gruppen-)Stimmung (z.B. Seminar) hervorbringen können!
Das heisst, die Probanden müssen bereit sein, im Verlaufe des Experiments ein möglichst normales Leben zu führen.

Wer begleitet und überwacht die Probanden?

Die Probanden werden idealerweise von erfahrenen Homöopathinnen und Homöopathen, die einen Prüfungsausschuss bilden, begleitet und überwacht. Dieser Prüfungsausschuss erhebt von jedem Probanden auch eine ausführliche Anamnese (Vorgeschichte einer Krankheit).
Die Überlegung, zu welchem bekannten homöopathischen Heilmittel die Probanden am ehesten passen würden, ist interessant. Sie lässt eine allfällige Verwandtschaft des Prüfstoffes mit bereits geprüften Heilmitteln erkennen.

Wie läuft die Arzneimittelprüfung ab?

Das Experiment beginnt mit relativ tiefen, aber sicher ungiftigen Potenzen. Die Dosierungen werden dreimal täglich verabreicht, bis zum Auftreten von klaren Symptomen. Die Aufzeichnungen müssen auch nach dem Absetzen des Mittels weitergeführt werden. Personen, die sofort Symptome produzieren, weisen eine erhöhte Empfänglichkeit für die Arznei auf und kommen für weitere Experimente mit höheren Potenzen in Frage.
Bei Abschluss der Prüfung sammelt der Prüfungsausschuss alle Tagebücher ein und erstellt eine Liste aller Symptome (körperlich, seelisch und geistig), die eine Abweichung vom Normalzustand der Probanden darstellen.

Wie wird die Arzneimittelprüfung ausgewertet?

Die Auswertung einer Arzneimittelprüfung ist eine subtile und sehr verantwortungsvolle Aufgabe. Es geht nicht darum, eine möglichst grosse Anzahl von Symptomen zu ermitteln. Ziel ist, die wenigen wirklich absolut sicheren Symptome und Zeichen, die das Heilmittel charakterisieren, zu finden.
Es ist ähnlich wie bei der Behandlung von Patienten. Die Mittelwahl erfolgt auch da nicht aufgrund von vielen unbedeutenden Symptomen, sondern aufgrund von wenigen, besonders charakteristischen Symptomen und Zeichen.
Besonders wichtig sind:

  • Symptome, die während einer Arzneimittelprüfung oder bei der Behandlung von Patienten verschwinden.
  • Symptome, die bei den Probanden am häufigsten gefunden werden.
  • Symptome, welche die stärkste und nachhaltigste Wirkung auf einen Probanden haben.
  • Symptome, die während der Arzneimittelprüfung mit hohen Potenzen auftreten.
  • Symptome, die unmittelbar nach der Einnahme der Arznei auftreten.
     

Welche Rolle spielt die Erfahrung?

Homöopathie ist eine Erfahrungsheilkunde. Sie entwickelt sich weiter durch genaueste Beobachtungen, sowohl während der Arzneimittelprüfung als auch beim Behandeln von Patienten. Es ist für Homöopathen äusserst wertvoll, sich mit den umfassend geheilten Patienten ihrer Praxis zu beschäftigen und diese Menschen in ihrer Gesamtheit zu erfassen. Daraus lassen sich die Prototypen der verschiedenen Heilmittel herausarbeiten.

Sind Arzneimittelprüfungen ethisch vertretbar?


Bei jeder Arzneimittelprüfung stellt sich die Frage, ob sie an gesunden Menschen ethisch vertretbar ist. Samuel Hahnemann selbst motiviert die Homöopathen zum Selbstversuch (Anmerkung zu § 141 im Organon der Heilkunst) und erklärt: «Die Erfahrung lehrt, dass der Organismus des Prüfenden, durch die mehreren Angriffe auf das gesunde Befinden nur desto geübter wird in Zurücktreibung alles seinem Körper Feindlichen von der Aussenwelt her und aller künstlichen und natürlichen, krankhaften Schädlichkeiten, auch abgehärteter gegen alles Nachteilige mittels so gemässigter Selbstversuche mit Arzneien. Seine Gesundheit wird unveränderlicher; er wird robuster, wie alle Erfahrungen lehren.»
Ihm selbst haben die zahlreichen Versuche offenbar keinen Schaden zugefügt, denn er erreichte das damals sehr stolze Alter von 88 Jahren bei bester körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit!

Jeremy Sherr, bekannter englischer Homöopath mit grosser Erfahrung im Bereich von Arzneimittelprüfungen sagt: «Eine Prüfung ist ein sanfter, ungefährlicher, dynamischer Lernprozess. Man erfährt dabei etwas über das innere Wesen des Mittels und über sich selbst.»

Jeremy Sherr und Paul Herscu haben das Thema Arzneimittelprüfung in den letzten Jahren aufgenommen und etwas Licht in diese bis anhin wenig erforschte Seite der Homöopathie gebracht.

Weiterführende Literatur:
Jeremy Sherr: Die homöopathische Arzneimittelprüfung, Fagus Verlag, ISBN 3-933760-00-3

Paul Herscu: Arzneimittelprüfungen Band 1, Der Schlüssel zu einer erfolgreichen Praxis, Kai Kröger Verlag, ISBN

Paul Herscu: Arzneimittelprüfungen Band 2, Eine kommentierte
Auswahl historischer und zeitgenössischer Schriften, Kai Kröger Verlag, ISBN 3-9808141-2-2

 
 
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